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Oberstadt: Weitere Fällungen drohen
Die Zahl der Bäume, die Anfang des Jahres auf dem Gelände der ehemaligen GFZ-Kaserne in der Mainzer Oberstadt gefällt wurden, war deutlich höher als ursprünglich vermutet. Wie das Baumbündnis in Erfahrung bringen konnte, waren es 76 (!) Bäume, die im Februar 2026 der Kettensäge zum Opfer fielen. Nach Aussage von Umweltdezernentin Janina Steinkrüger musste das Grün- und Umweltamt die Fällungen aufgrund des bestehenden Baurechts genehmigen. Denn die Rechtsverordnung zum Schutz des Baumbestandes (RVO Baum) bietet in solchen Fällen auch „geschützten“ Bäumen keinen Schutz: Wo Baurecht gilt, regelt sie lediglich die Verpflichtung zu Ersatzpflanzungen oder Ausgleichszahlungen.
Aus dem Baudezernat erfuhr das Baumbündnis, dass die Bäume durch die Grundstücksverwaltungsgesellschaft (GVG) gefällt wurden, um das Baufeld für die geplante Bebauung freizumachen. Und diese Fällungen sind nur der Anfang: Wie aus der „Baumerfassung“ (12/2025) hervorgeht, sollen von ursprünglich 449 Bäumen (70 % mit Schutzstatus) nur 229 erhalten werden. Insgesamt 220 Bäume (fast alle als „erhaltenswert“ oder „sehr erhaltenswert“ eingestuft) sollen beseitigt werden – was heißt, dass 144 weiteren Bäumen die Fällung droht.
Dass bei einem so komplexen Projekt nicht jeder Baum erhalten werden kann, versteht sich. Doch die Selbstverständlichkeit, mit der hier mehr als 200 Bäume der Kettensäge preisgegeben werden, zeigt: Von der „sehr hohen Priorität“, die die Kenia-Koalition dem Baumerhalt einräumen wollte, ist bislang nichts zu spüren.
Auch von der Transparenz, die zu den Kernanliegen des Baumbündnisses gehört, ist wenig zu spüren: Im Amtsblatt vom 20. Februar wurde zwar angekündigt, dass zahlreiche Dokumente zu dem Bauprojekt vom 26. Februar bis zum 30. März 2026 zur Einsichtnahme zur Verfügung stehen würden. Doch es gab keinen expliziten Hinweis auf die bevorstehenden Fällungen. Mehr noch: Zu Beginn der Offenlage (Ende Februar) waren die ersten 76 Bäume bereits gefällt.
Baumschutz ist ein Thema, das viele Menschen in Mainz betrifft und bewegt – erst recht im Angesicht immer heißerer Sommer. Bei Fällungen einer solchen Größenordnung erwartet das Baumbündnis, dass die Stadt ihre Pläne auf eine andere Weise kommuniziert: frühzeitig und offen, auf eine für alle Bürger:innen zugängliche, niedrigschwellige und allgemeinverständliche Weise.
18.07.2026 (Foto: MainzZero)
Baumfällungen in der Oberstadt
Im Juli 2025 wurde das Gelände der ehemaligen GFZ-Kaserne in der Mainzer Oberstadt (An der Goldgrube / Freiligrathstraße) zu großen Teilen von der Grundstücksverwaltungsgesellschaft (GVG) der Stadt Mainz gekauft. Dass dort ein neues Wohn- und Gewerbegebiet entstehen soll (rund 450 neue Wohnungen, Einkaufsmöglichkeiten, Kitas, eine neue Ortsverwaltung und zwei Campus für die Firma BioNTech), ist eine grundsätzlich erfreuliche Nachricht.
In einem Bericht der Allgemeinen Zeitung vom 20. Februar 2026 wird Ortsvorsteher Daniel Köbler mit den Worten zitiert, dass es gelungen sei, „die Jägerstraße mit der Grünfläche zu erhalten“ – und dass man „noch weitere Veränderungen“ habe, „was den Erhalt des Baumbestands, das Ausgleichsflächenmanagement für das Grün“ betreffe. Am 30. März 2026 berichtete die AZ dann vom Beginn der Abrissarbeiten, zu denen auch die Entfernung einiger Bunker gehört.
Worüber es aber keinerlei öffentliche Information gab, waren die umfangreichen Baumfällungen entlang der Pariser Straße bzw. Freiligrathstraße, die zu dem Zeitpunkt bereits stattgefunden hatten. Nur durch Hinweise aus der Bevölkerung erfuhr das Baumbündnis davon, dass im besagten Bereich etwa 15 bis 20 Bäume, schätzungsweise zwischen 40 und 60 Jahren alt, gefällt worden waren.
Wie viele Bäume genau wurden gefällt? Wie viele davon standen unter Schutz? Weshalb wurden die Bäume gefällt? Und warum wurde die Öffentlichkeit nicht darüber informiert? Diesen Fragen wird das Baumbündnis auf den Grund gehen.
01.05.2026 (Foto: MainzZero)
Was tun bei ungenehmigten Baumfällungen?
Mitte Januar 2026 wurden in der Elsa-Brändström-Straße in Mainz-Gonsenheim auf privatem Grund drei große gesunde Bäume gefällt – zur Empörung der Anwohner:innen. Es stellte sich heraus, dass die Bäume ohne Genehmigung gefällt worden waren. Das Grün- und Umweltamt eröffnete deshalb ein Verfahren nach der Rechtsverordnung zum Schutz des Baumbestandes (RVO Baum).
Viele Bürger:innen dürften sich nun fragen: Was kann ich tun, wenn mir eine Fällung verdächtig vorkommt? Auf eine Anfrage der Stadtratsfraktion DIE LINKE teilte das Umweltdezernat hierzu mit: Wer eine Baumfällung melden möchte, die mutmaßlich nicht genehmigt war, kann sich an die Abteilung Grünflächenunterhaltung und Baumpflege des Grün- und Umweltamtes wenden (Telefon: 06131 122801, E-Mail: gruen-baumpflege[at]stadt-mainz.de). In den letzten Jahren wurden mehrere Dutzend Fälle geprüft (27 im Jahr 2023, 17 im Jahr 2024, 12 im Jahr 2025); in allen Fällen lag ein Verstoß gegen die RVO Baum vor. Hat sich ein solcher Verstoß bestätigt, ordnet das Grün- und Umweltamt Ersatzpflanzungen an; darüber hinaus kann ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet werden. Bei vorsätzlichem Handeln sind Bußgelder bis zu 50.000 € möglich, bei fahrlässigem Handeln bis zu 20.000 €.
Einen Anspruch auf Auskunft über den Stand des laufenden Verfahrens haben die Melder:innen aber leider nicht.
15.03.2026 (Foto: MainzZero)
Umgang mit Hinweisen aus der Mainzer Bevölkerung
Das Baumbündnis bekommt oftmals Nachrichten von Mainzer Bürger:innen. Darin geht es zumeist um gefährdete Bäume. Da es in Mainz bislang kein öffentliches Baum(fäll)kataster gibt, ist das Baumbündnis für solche Informationen sehr dankbar. Sein Fokus liegt dabei – den eigenen Kernforderungen entsprechend – auf Baumfällungen, zu denen es durch Baumaßnahmen auf städtischen Flächen kommt. Hinweisen dieser Art geht das Baumbündnis nach, es stellt Recherchen dazu an und nimmt gegebenenfalls Kontakt zur Stadtverwaltung auf. So geschehen z. B. im Fall des Gutenberg-Gymnasiums in der Mainzer Oberstadt.
Es gibt aber auch Fälle, in denen das Baumbündnis den Anliegen der Absender:innen nicht nachkommen kann. Wenn z. B. das Grün- und Umweltamt einzelne Straßenbäume fällen lässt, weil sie abgestorben, krank und/oder nicht mehr standsicher sind, besteht aus Sicht des Baumbündnisses kein Grund zur Intervention. Wenn es um Bäume auf privaten Flächen geht, hält das Baumbündnis sich zurück, da eine öffentliche Einflussnahme in solchen Fällen schwierig ist. Und wenn es z. B. um Baumschnittmaßnahmen in der Brut- und Setzzeit geht, sind im Zweifelsfall eher die Vogelschützer:innen gefragt – da Maßnahmen dieser Art für die Bäume nicht lebensbedrohlich sind.
30.06.2025 (Foto: MainzZero)
Mahnwache des Baumbündnisses an der Lemmchenschule
Am Montagmorgen, den 24. Februar 2025 kamen 20 Personen zu einer Mahnwache an der Lemmchenschule in Mainz-Mombach zusammen. Der Grund: An diesem Tag sollten zehn Bäume gefällt werden, darunter fünf unter Schutz stehende. Die Fällung war als unvermeidlich eingestuft worden, da die Bäume in oder direkt neben dem Bereich der Baugrube für das neue Gymnasium standen. Zwischen dem Baumbündnis und Baudezernentin Marianne Grosse hatte es im Vorfeld schon einen Mailwechsel gegeben. Die Dezernentin hatte dargelegt, dass der enge Zeitplan in diesem Fall keine Umplanung zugelassen habe. Das Baumbündnis hatte entgegnet, es seien politische Entscheidungen gewesen, die diesen Zeitdruck erzeugt hätten. Immerhin: Die Anwohnenden waren diesmal frühzeitig über die geplanten Fällungen informiert worden.
Die Mahnwache sollte eigentlich während der Fällung der Bäume stattfinden. Doch zwei Anwohnende waren juristisch gegen die Fällung vorgegangen – weswegen die Kettensägen an diesem Tag schwiegen. Die Klage der Anwohnenden wurde schließlich abgewiesen. Am 28. Februar, dem letzten Tag der Rodungssaison, fielen die Bäume.
28.02.2025 (Foto: Kolibri-Kollektiv)
Peter-Härtling-Schule: Mikroklima-Gutachten empfiehlt mehr Bäume
Ungeachtet aller Proteste wurden 2024 32 gesunde Bäume für den Neubau der Peter-Härtling-Schule in Mainz-Finthen gefällt. Viele dieser Bäume waren 50 bis 60 Jahre alt. Im selben Jahr gab die Stadt Mainz ein Mikroklima-Gutachten in Auftrag, das die Auswirkungen der Fällungen analysieren sollte. Anfang 2025 wurde diese Analyse schließlich dem Ortsbeirat Finthen übermittelt. Im Fazit des Gutachtens heißt es, dass hohe Bäume mit „ausgeprägten Baumkronen“ einen „starken positiven Effekt auf die mikroklimatische Situation“ hätten. Mehr Vegetation führe zu „einer besseren Abschattung von Flächen, die sich dadurch weniger aufheizen“, und zu „einer vermehrten Verdunstungsleistung, die zu einer merklichen Abkühlung beitragen kann“. Das Gutachten empfiehlt deshalb: „mehr Bäume auf dem Schulhof -> Klimaoasen“.
Lakonischer Kommentar von Uli Walter, dem Sprecher des Baumbündnisses: „Für den bereits zerstörten Baumbestand kommt diese Erkenntnis zu spät.“
18.02.2025 (Foto: BI „Bessere Schule Finthen“)
Gespräche des Baumbündnisses mit der Kenia-Koalition
Von Juli bis Oktober 2024 führte das Baumbündnis Gespräche mit allen Stadtratsfraktionen der angehenden Kenia-Koalition (Bündnis 90/Die Grünen, CDU und SPD). Die Vertreter:innen des Bündnisses forderten darin eine Selbstverpflichtung der Stadt Mainz, Baumfällungen bei der Planung, Ausschreibung und Vergabe von Baumaßnahmen zu vermeiden. Außerdem schlugen sie vor, nach dem Vorbild anderer Städte das Mainzer Baumkataster der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Bürger:innen sollten transparent über den Baumbestand, etwaige geplante Fällungen, aber auch Neupflanzungen von Bäumen informiert werden.
Der Austausch mit den Stadtratsmitgliedern war konstruktiv und fand im November 2024 seinen Niederschlag im Koalitionsvertrag: „Insbesondere den Baumbestand“, so heißt es dort, „möchten wir schützen und werden ihm bei allen Planungen sehr hohe Priorität einräumen.“ Aus Sicht des Baumbündnisses ein erfreulicher Schritt in die richtige Richtung.
28.11.2024 (Abbildung: Ausschnitt aus dem Cover des Koalitionsvertrags)
Übergabe der Petition „Rettet die Bäume der Lemmchenschule!“
Die Petition „Rettet die Bäume der Lemmchenschule!“, die der Arbeitskreis Umwelt Mombach, der BUND Mainz und der NABU Mainz und Umgebung im Frühjahr 2023 gestartet hatten, wurde von 2.315 Menschen unterschrieben. Am 29. Oktober 2024 wurden die Unterschriften an Oberbürgermeister Nino Haase (parteilos), Baudezernentin Marianne Grosse (SPD) und Umweltdezernentin Janina Steinkrüger (Grüne) übergeben. Schon zuvor hatte es mehrere Gespräche mit der Stadtverwaltung und erste Zeichen der Hoffnung gegeben.
Bei der Übergabe der Petition versicherte der Oberbürgermeister, dass die Stadt „erhebliche Schritte zum Erhalt der Bäume an der Lemmchenschule“ unternommen habe. Baudezernentin Grosse erläuterte, dass Baustraßen verlegt und die neuen Gebäude für Grund- und Realschule Plus auf den Standorten der heutigen Bauten entstehen würden. Dank dieser Maßnahmen wird ein wesentlicher Teil der 142 Bäume, die ursprünglich zur Fällung vorgesehen waren, erhalten werden können.
29.10.2024 (Foto: Arbeitskreis Umwelt Mombach)
Rote Karte für Mainz im Hitze-Check
Im Juli 2024 wurde es offiziell: Mainz gehört zu den am stärksten zubetonierten Städten in Deutschland und weist zugleich zu wenig Grün auf. Vor allem mangelt es an Grünvolumen, also an dreidimensionalem Grün (Bäumen, Büschen, Blühstreifen), das einer Stadt mehr Kühlung verschafft als z. B. einfacher Rasen. So lautete das Ergebnis des ersten Hitze-Checks der Deutschen Umwelthilfe (DUH) unter den 190 deutschen Städten mit mehr als 50.000 Einwohner:innen. Mainz landete mit 51 Prozent versiegelter Fläche und unzureichendem Grünvolumen auf Platz 5 im Negativ-Ranking und erhielt somit die rote Karte.
Für das Baumbündnis war das Ergebnis der DUH-Analyse eine Bestätigung: „Auch ohne den Hitze-Check wussten die Mainzerinnen und Mainzer bereits, dass es mit der Versiegelung und den Baumfällungen in unserer Stadt so nicht weitergehen kann“, erklärte Uli Walter, der Sprecher des Bündnisses.
06.08.2024 (Foto: MainzZero)
Kundgebung des Baumbündnisses vorm Mainzer Schloss
Am 9. Juli 2024 fand die erste Kundgebung des Baumbündnisses statt. Rund 90 Personen versammelten sich vor dem Mainzer Schloss, wo der neue Stadtrat zu seiner konstituierenden Sitzung zusammenkommen sollte. Ein riesiges Banner forderte zum Stopp der Fällungen und zum Erhalt aller Bäume auf; an den umgebenden Bäumen waren Plakate mit Botschaften wie „Jedes Blatt zählt“ angebracht. Wie wichtig Bäume als Schatten- und Frischluftspender sind, wurde an diesem heißen Tag auch physisch spürbar.
Die eintreffenden Stadtratsmitglieder nahmen Flyer mit den Kernforderungen des Baumbündnisses entgegen, manche hörten aufmerksam den Redebeiträgen zu und einige ließen sich bereitwillig in Gespräche verwickeln. Das Medieninteresse war einmal mehr groß.
09.07.2024 (Foto: MainzZero)
Gründung des Baumbündnisses
Am 25. Mai 2024 traf sich das neu formierte Bündnis zu seiner ersten Sitzung. Nur einen Monat später trat es unter dem Namen „Baumbündnis Mainz“ an die Öffentlichkeit und machte seine drei Kernforderungen an Stadtrat und Verwaltung publik: (1) Baumerhalt als oberste Priorität bei Baumaßnahmen, (2) Überprüfung dieser Vorgabe bei der Planung, Ausschreibung und Vergabe von Baumaßnahmen, (3) Transparenz bei unvermeidlichen Baumfällungen. Die mediale Resonanz auf die erste Pressemitteilung des Baumbündnisses war groß. Dass jemand dem Kahlschlag die Stirn bietet – darauf schienen viele Menschen in Mainz gewartet zu haben.
30.06.2024 (Flyergestaltung; BI Mombacher Straße)
Beschluss in einem traurigen Moment
Im Februar 2024 kamen Anwohnende und Vertreter:innen der unten genannten Gruppierungen zu einer Spontankundgebung zusammen, um gegen die unmittelbar bevorstehende Fällung der ersten 14 Bäume an der Peter-Härtling-Schule in Mainz-Finthen zu protestieren. Es war eine Kundgebung, bei der Tränen flossen – und die doch ein Wendepunkt war. Denn in diesem traurigen Moment fassten die Beteiligten einen Beschluss: „Nur wenn wir uns zusammenschließen, werden wir etwas erreichen. Wir gründen ein Bündnis!“
10.02.2024 (Foto: BI „Bessere Schule Finthen")
Baumfällungen rufen Zivilgesellschaft auf den Plan
Im Februar 2023 wurden an der Lemmchenschule in Mainz-Mombach 37 Bäume für eine Interimsschule gefällt, weitere 105 Bäume sollten für neue Schulgebäude geopfert werden. Dagegen wehrte sich der Arbeitskreis Umwelt Mombach mit einer Petition, die vom NABU Mainz und Umgebung sowie der BUND-Kreisgruppe Mainz mitgetragen wurde. Gegen die geplante Fällung von 27 Altbäumen in der Mombacher Straße (Hartenberg-Münchfeld) widersetzte sich die BI Mombacher Straße mit einem alternativen Verkehrskonzept. Und in Mainz-Finthen kämpfte die BI „Bessere Schule Finthen“ gegen die Fällung von 32 alten Bäumen für den geplanten Neubau der Peter-Härtling-Schule. Maßgeblich unterstützt wurde all diese Gegenwehr von MainzZero und dem Kolibri-Kollektiv.
05.02.2024 (Foto: Arbeitskreis Umwelt Mombach)